Werte machen Firmen und Führungskräfte erfolgreicher

Pater Anselm Grün

Ulrich Goldschmidt im Gespräch mit Anselm Grün

Anselm Grün ist Benediktinerpater, Betriebswirt, Bestsellerautor und Berater von Führungskräften. Seine Bücher wurden bereits mehrfach hier in den Perspektiven vorgestellt und besprochen. Was Management in der Praxis bedeutet, hat Anselm Grün als Cellerar viele Jahre selbst erlebt und vorgelebt, als er für die wirtschaftliche Leitung der Abtei Münsterschwarzach mit ihren insgesamt 20 Betrieben verantwortlich war. Heute besuchen zahlreiche Führungskräfte seine Seminare, um ihre Rolle in der Führungsverantwortung zu finden und zu verstehen. Im Gespräch mit Ulrich Goldschmidt, Senior Advisor des DFK – Verband für Fach- und Führungskräfte, geht es daher um Führung, um Werte und um Unternehmenskultur.

Ulrich Goldschmidt: Früher galt es vielen ja als das höchste erstrebenswerte Ziel, eine Führungsposition zu erreichen. Die Ernennung zur Führungskraft war so etwas wie der Ritterschlag im Management. Ist es heute noch erstrebenswert, Führungskraft zu werden?

Pater Anselm Grün: Es ist auch heute noch erstrebenswert, Führungskraft zu werden. Denn als Führungskraft kann ich die Kultur der Firma prägen. Ich kann meine Verantwortung wahrnehmen, nicht nur für die Firma, sondern auch für die Gesellschaft. Denn die Kultur einer Firma prägt auch die Kultur der Gesellschaft.

Sie halten regelmäßig Seminare für Führungskräfte ab. Was bewegt die Führungskräfte von heute? Warum kommen die Menschen zu Ihnen ins Seminar?

Die Führungskräfte, die zu mir ins Seminar kommen, haben eingesehen, dass es heute eine andere Führungskultur braucht. Es geht nicht mehr darum, bei den Zahlen zu beginnen und die Menschen den Zahlen unterzuordnen. Vielmehr gilt es, bei den Menschen anzufangen und sie zu entwickeln. Dann werden auch die Zahlen stimmen.

Da Sie Benediktiner-Pater sind, drängt sich die Frage nach der heutigen Bedeutung der Benediktsregeln auf. Aufgeschrieben hat sie der Heilige Benedikt von Nursia vor nunmehr schon rund 1.500 Jahren und es ging schon damals um Führung. Können diese Regeln noch heute Relevanz haben?

Es ist interessant, dass viele Führungskräfte sich von den Regeln Benedikts inspirieren lassen. Natürlich muss die Regel Benedikts heute neu interpretiert werden. Man kann sie nicht einfach wörtlich übernehmen, sondern soll die Weisheit entdecken, die darin liegt.

Benedikt sagt also, führen heißt dienen. Wie funktioniert das in unsicheren Zeiten, in denen das Arbeitsleben immer agiler und digitaler wird?

Dienen bedeutet nicht sich klein machen. Dienen heißt: dem Leben dienen, Leben hervorlocken in den Menschen.

Haben wir für dienende Führung in den Unternehmen eigentlich die richtigen Spielregeln oder überfordern wir auch die Führungskräfte mit den unterschiedlichen Forderungen, die an sie herangetragen werden, vom Unternehmen, von den eigenen Mitarbeitern, von Kollegen, vielleicht sogar von außen?

Es geht nicht darum, dass die Führungskräfte sich von äußeren Bildern bestimmen lassen. Die würden sie überfordern. Sie sollen vielmehr die eigenen inneren Bilder in sich entdecken und ihre Führungsaufgabe mit diesen inneren Bildern in Berührung bringen. Dann werden die Bilder für sie zu einer Quelle, aus der sie schöpfen können. Immer wenn Führungskräfte erschöpft sind, ist es ein Zeichen, dass sie nicht aus ihren eigenen Bildern leben, sondern versuchen, äußere Bilder zu erfüllen.

Oft haben wir den Eindruck, dass die ungeschriebenen Spielregeln in den Unternehmen darauf gerichtet sind, auf dem Pavianhügel den Platz ganz oben zu erobern. Mit dienender Führung hat das dann nur wenig zu tun. Erkennen Sie Ansätze, dass sich das ändert? Gibt es einen Bewusstseinswandel vielleicht gerade bei jüngeren Führungskräften?

Natürlich gibt es in vielen Firmen das Bestreben, möglichst weit oben zu sein. Aber in vielen Firmen ist da ein Umdenkungsprozess im Gang. Viele jüngere Führungskräfte wollen vor allem die Kultur einer Firma prägen. Ihnen geht es nicht mehr so um Posten, sondern um die Kultur der Firma.

All das, worüber wir jetzt gesprochen haben, hat ja auch ganz viel mit Werten zu tun. Würden Sie zustimmen, dass insbesondere in einer zunehmend digitalisierten Arbeitswelt Werte als Korrektiv wichtiger denn je sind?

Werte sind auf jeden Fall wichtig. Werte machen eine Firma wertvoll. Und Firmen, die Werte leben, sind auf Dauer erfolgreicher als Firmen, die sich nur auf die Zahlen konzentrieren. Wenn die Zahlen der höchste Wert sind, wird die Firma bald wertlos.

In der Studie „Führung und Digitalisierung“ unseres Verbandes haben viele der befragten Fach- und Führungskräfte die Sorge geäußert, dass die Digitalisierung zu einer fortschreitenden Entfremdung zwischen Unternehmen und Mitarbeiter führen wird. Was kann ein Unternehmen tun, um diesen Effekt zu vermeiden?

Es ist wichtig, gemeinsam über die Digitalisierung zu sprechen, damit eine Kultur der Menschlichkeit auch die Digitalisierung prägt.

Es gibt den Spruch: „Führen kann nur, wer sich auch selbst führen kann.“ Was können Führungskräfte für sich tun, um sich selbst und dann auch andere besser zu führen?

Das Wichtigste ist die Selbsterkenntnis. Wer sich selbst nicht kennt, der projiziert all die verdrängten Seiten auf seine Mitarbeiter. Er möchte vielleicht eine Atmosphäre des Vertrauens, aber von ihm geht Misstrauen aus, weil er sich selbst nicht traut und Angst hat vor dem, was er in sich noch nie angeschaut hat.

Kann man Führung lernen oder braucht es auch Anlagen, Eigenschaften, ohne die man Führungsaufgaben nicht wahrnehmen sollte?

Es braucht die Eigenschaft, entscheidungsfreudig und konfliktfähig zu sein. Aber grundsätzlich kann man Führung lernen. Die Führungsaufgabe selbst ist ein Lernprozess. Und wer bereit ist, beim Führen zu lernen, der wird auf Dauer gut führen.

Lieber Pater Anselm Grün, herzlichen Dank für Ihre Zeit und dieses Gespräch.


Bildquelle: © Julia Martin / Abtei Münsterschwarzach