
In einem hochinteressanten Gastvortrag von Frau Dr. Parnian Parvanta, Gynäkologin und Vorstandsvorsitzende von Ärzte ohne Grenzen Deutschland, ist die Regionalgruppe Hessen dieser Frage auf den Grund gegangen.
„Wir können zwar nicht immer sicher sein, dass Worte Leben retten können, aber wir wissen mit Sicherheit, dass Schweigen tötet.“ Aus der von Dr. James Orbinski gehaltenen Rede anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises im Jahr 1999.
Ärzte ohne Grenzen (französisch: Médecins Sans Fron-tières „MSF“) wurde am 21. Dezember 1971 gegründet und ist heute die größte Organisation für medizinische Nothilfe in Krisengebieten. Die Organisation finanziert sich fast ausschließlich durch private Zuwendungen. Die Hilfe selbst orientiert sich an den Bedürfnissen der Notleidenden als Patienten und damit frei von jedweden Vorurteilen oder Spezifika wie Geschlecht und Herkunft. Seit Gründung durch französische Ärzte nach einem Einsatz im Biafra-Krieg in Nigeria (damals noch für das Rote Kreuz) steht das Credo „Behandeln und Bezeugen“ im Zentrum der Arbeit. Mitarbeitende heilen seitdem Wunden und machen – basierend auf den Prinzipien Unparteilichkeit, Neutralität und Unabhängigkeit – unermüdlich auf humanitäre Missstände aufmerksam.
Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der basismedizinischen Versorgung. Doch auch chirurgische Eingriffe (beispielsweise nach Erdbeben) und die Behandlung von Epidemien wie dem Marburg-Virus, HIV, Tuberkulose und Tropenkrankheiten (unter anderem die tödliche Schlafkrankheit) und Mangelernährung gehören – wie auch psychologische Nothilfe – zum breiten Aufgabenspektrum der Organisation.
Heute ist Ärzte ohne Grenzen in 73 Ländern aktiv: von der Versorgung von Verletzten im Libanonkrieg als ersten Großeinsatz im Jahr 1976 über Nothilfe beim Ausbruch des Ebola-Fiebers in Westafrika 2014/15, zu dessen Höhepunkt mehr als 4.000 Mitarbeiter vor Ort im Einsatz waren, bis ganz aktuell den Erdbebenopfern in Myanmar im Frühjahr 2025.
Und so funktioniert die Nothilfe: Besteht eine humanitäre Notlage, so bitten die Behörden oder auch Mitarbeitende von Ärzte ohne Grenzen die Organisation um Hilfe. Vor Tätigwerden im Einsatzgebiet wird die Genehmigung der jeweiligen Landesregierung eingeholt. Ein Expertenteam reist vor Start eines Projektes in die Krisenregion und gibt eine Einschätzung zum Bedarf an humanitärer Hilfe an die Projektabteilung ab. Vor Ort benötigt Ärzte ohne Grenzen für die Durchführung der Projekte Mitarbeiter, Hilfsgüter und eine entsprechende Finanzierung. Fehlen andere Akteure vor Ort, muss die Organisation zudem die Wasser- und Sanitärversorgung oder auch die Verteilung von Hilfsgütern selbst übernehmen. Standardisierte Abläufe unterstützen dabei den schnellen Einsatz weltweit.
Ärzte ohne Grenzen beschäftigt etwa 67.000 Menschen mit unterschiedlichsten Qualifikationen, 90 Prozent davon kommen aus den Projektländern. Somit stammen etwa neun von zehn Mitarbeitern aus den Einsatzländern und sind nicht selten selbst Betroffene einer Krise. Schaut man auf die deutsche Sektion, so wurden 2023 insgesamt 204 von Berlin aus betreute Mitarbeiter in den Bereichen Medizinische Positionen wie Ärzte und Pflegepersonal (55 Prozent), Logistik und Technik (21 Prozent), Landes- und Projekt-Koordination (15 Prozent) sowie Verwaltung und Finanzen (9 Prozent) in Projekte entsandt.
In den Logistiklagern in Bordeaux, Brüssel, Amsterdam und Nairobi werden abgepackte und bereits verzollte Pakete mit Hilfsgütern wie medizinischem Material und Medikamenten für die zügige Bereitstellung im Einsatzfall vorgehalten.
Wie zuvor erwähnt, finanziert sich Ärzte ohne Grenzen wesentlich durch private Zuwendungen. Mit mehr als 80 Prozent fließt der Großteil der Zuwendungen in die Projektfinanzierung, wo sie für Gebäude, Medikamente, medizinische Ausstattung und Löhne verwandt werden. Die deutsche Sektion beteiligte sich 2023 an der Finanzierung von Projekten in 59 Ländern und Regionen und koordinierte in neun Ländern die Projektarbeit. Darunter findet man die ärmsten Regionen der Welt, wie den Jemen, den Südsudan und Sudan oder die Zentralafrikanische Republik, um nur einige zu nennen. Im Geschäftsjahr 2023 flossen so insgesamt 217,7 Millionen Euro (rund 84 Prozent) in die medizinische Nothilfe vor Ort.
Wie diese medizinische Nothilfe vor Ort aussehen kann, weiß Dr. Parvanta aus ihrer eigenen Projektarbeit zu berichten. Wichtig sei stets die hochwertige und effiziente Versorgung. Durch Fotomaterial anschaulich unterstützt, erhalten die Projektbeteiligten einen persönlichen Eindruck von den Krankenstationen der Nothilfelager und einer neonatalen Intensivstation. Sie erfahren von den teils schwierigen Behandlungsfällen und medizinischen Indikationen im Besonderen rund um das Fachgebiet Frauenheilkunde und Geburtshilfe, den vorhandenen Ressourcen und lokalen Arbeitsbedingungen sowie der Zusammenarbeit in den Teams. Auch geografische oder kulturelle Rahmenbedingungen, wie etwa weite und durch Hitze und Gewalt teils gefahrvolle Wegstrecken zu den Nothilfelagern, bleiben nicht unerwähnt.
Anerkennung für seine Leistung um die zivile humanitäre Nothilfe erfuhr Ärzte ohne Grenzen durch Verleihung des Friedensnobelpreises im Oktober 1999. Das Osloer Nobel-Komitee begründete seine Entscheidung mit den Worten: „… die Organisation weckt die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit für humanitäre Katastrophen und ermöglicht durch das Aufzeigen der Ursachen solcher Katastrophen ein stärkeres öffentliches Bewusstsein gegen Gewalt und Machtmissbrauch.“
Die Zunahme von Gewalt stellt die Teams im Einsatz auch in der Gegenwart vor wachsende Herausforderungen, wie Dr. Parvanta bestätigt. Wiederholt komme es zu Verstößen gegen die Genfer Konventionen, die Angriffe auf medizinisches Personal, zivile Einrichtungen und Krankentransporte so Parvanta, verbieten. Besonders der Schutz vor Luftangriffen sei kaum möglich. Im Gazastreifen kamen in den vergangenen eineinhalb Jahren elf Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen ums Leben. Im Sudan, wo „mit zwölf Millionen Menschen die größte Vertriebenenkrise unserer Zeit herrscht“, musste ein Camp aus Gründen der Sicherheit für Patienten und Mitarbeiter im Frühjahr 2025 verlassen werden – bei akuter Hungersnotlage vor Ort. Vor diesem Hintergrund mahnt Dr. Parvanta: „Medizinische Nothilfe benötigt den Raum und die Akzeptanz des Völkerrechts, damit diese geleistet werden kann.“ Insofern bleibt es auch nach über 50 Jahren nach Gründung eine humanitäre Arbeit, die neben beruflicher Expertise auch viel Engagement, Anteilnahme und Courage bedarf. Wir wünschen Ärzte ohne Grenzen für die weitere Arbeit besten Erfolg und einen würdigen Umgang mit ihrer wertvollen Tätigkeit.
Wer die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen unterstützen möchte, kann dies über die Website der Organisation aerzte-ohne-grenzen.de tun.
Über die Referentin:
Dr. Parnian Parvanta begann ihre Tätigkeit für Ärzte ohne Grenzen im Jahr 2011 mit einem neunmonatigen Einsatz in der Zentralafrikanischen Republik, an den sich 2013 ein einjähriger Einsatz in Indien anschloss. Weitere Stationen ihrer praktischen Hilfe für die Organisation führten sie nach Nigeria (2017/2018), in die Elfenbeinküste (April 2019) und im Frühjahr/Winter 2022 zweimal als Trainerin für Ärztinnen und Hebammen in den Irak. Dr. Parvanta arbeitete bis Ende 2022 als Oberärztin an der Universitätsklinik Mainz. Aktuell ist sie neben ihrer Vorstandstätigkeit für Ärzte ohne Grenzen Deutschland in der Praxis für Pränatalmedizin in Mainz aktiv. Als Gynäkologin liegen Dr. Parvanta die spezifischen Bedürfnisse von Frauen und Mädchen in Krisengebieten und die Rechte auf Unversehrtheit und Selbstbestimmung am eigenen Körper bei ihrer Arbeit besonders am Herzen.
Nancy Luthardt