Würden Sie heute noch einmal Führungskraft werden wollen?

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Diese Frage stellen wir ab und zu in unseren Beratungsgesprächen, um eine Einschätzung der aktuellen Lage zu bekommen. Und die Antworten fallen erstaunlich ehrlich aus. Zögern. Schulterzucken. Ein „Kommt drauf an“. Selten ein klares Ja.

Dabei galt Führung lange als logischer nächster Karriereschritt: mehr Einfluss, mehr Gestaltung, mehr Anerkennung. Heute wirkt Führung für viele eher wie ein Risiko als eine Perspektive.

Woran liegt das?

Oft wird schnell erklärt: Die neue Generation sei weniger belastbar, weniger ehrgeizig, weniger bereit, Verantwortung zu übernehmen. Das greift zu kurz – und ist ehrlich gesagt zu bequem.

Denn schaut man genauer hin, zeigt sich ein anderes Bild:
Nicht die Menschen haben die Lust an Führung verloren. Viele Organisationen haben Führung unattraktiv gemacht.

Führungskräfte tragen heute immense Verantwortung – für Ergebnisse, Mitarbeitende, Kultur, Compliance, Transformation. Gleichzeitig schrumpfen ihre echten Handlungsspielräume. Entscheidungen werden nach oben gezogen, Prozesse ersticken Initiative, Zielkonflikte bleiben ungelöst.

Das Ergebnis ist ein Paradox:
Mehr Verantwortung bei weniger Einfluss.

Hinzu kommt die Dauerkrise als Normalzustand. Pandemie, Fachkräftemangel, Digitalisierung, geopolitische Unsicherheit – Führung ist zur permanenten Ausnahme geworden. Wer heute führt, führt selten „im Aufbau“, sondern fast immer „im Reparaturmodus“.

Kein Wunder also, dass viele leistungsstarke Fachkräfte sagen:
Warum sollte ich mir das antun?

Dabei braucht unsere Arbeitswelt gerade jetzt gute Führung dringender denn je. Aber gute Führung entsteht nicht durch Appelle, Titel oder Durchhalteparolen. Sie entsteht dort, wo Organisationen ehrlich beantworten:

  • Welche Entscheidungen dürfen Führungskräfte wirklich treffen?
  • Wie viel Vertrauen bringen wir ihnen entgegen?
  • Welche Unterstützung bekommen sie – jenseits von Sonntagsreden?
  • Und: Welche Führung wollen wir eigentlich – und welche verhindern unsere Strukturen?

Vielleicht ist es an der Zeit, die Frage umzudrehen.
Nicht: Warum will niemand mehr führen?
Sondern: Warum sollte man es unter diesen Bedingungen wollen?

Donnerstagsimpuls zum Mitnehmen:
Wenn wir mehr Menschen für Führung gewinnen wollen, müssen wir weniger über Motivation reden – und mehr über Systeme, die Führung ermöglichen statt erschweren.

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