Von „Minen-Spaghetti“ und blitzschnellen Robotern

Die RG Nordbayern mit einem Blick hinter die Kulissen bei STAEDTLER in Nürnberg

Wer von uns hat nicht schon einmal mit einem Bleistift, Fineliner oder Textmarker von STAEDTLER gearbeitet? Viele Produkte des Nürnberger Traditionsunternehmens begleiten uns seit der Schulzeit, im Studium, im Berufsalltag oder beim kreativen Arbeiten. Am 21. Juli 2026 hatten Mitglieder des DFK – Verband für Fach- und Führungskräfte die Gelegenheit, hinter die Kulissen des bekannten Schreibwarenherstellers zu blicken.

Pünktlich um 13 Uhr begann die Werksbesichtigung am STAEDTLER-Standort in der Moosäckerstraße. Eberhard Rüdel ist für die Öffentlichkeitsarbeit bei Staedtler zuständig und machte schon nach kurzer Zeit deutlich, wie eng hier Tradition, technische Präzision, moderne Automatisierung und nachhaltiges Wirtschaften miteinander verbunden sind.

Der unverwechselbare Geruch der Stifte

Beim Betreten der Fertigungshallen war sofort etwas Vertrautes wahrzunehmen: der typische Geruch von Holz, Graphit und Stiften. Hier konnten die Teilnehmenden beobachten, wie aus verschiedenen Rohstoffen Schritt für Schritt Produkte entstehen, die später weltweit in Schulen, Büros, Ateliers und privaten Haushalten verwendet werden.

Am Boden standen unter anderem Behälter mit einem teigartigen Gemisch aus Graphit und Ton. Damit keine Feuchtigkeit entweicht, wird die Masse sorgfältig abgedeckt. Anschließend wird sie mithilfe einer hydraulischen Presse durch eine kleine Öffnung gedrückt.

Das dabei angewandte Prinzip lässt sich mit einer großen Spritze vergleichen. Würde der Vorgang nicht unterbrochen, könnte theoretisch ein rund einen Kilometer langer Strang entstehen, die sogenannten „Minen-Spaghetti“. Tatsächlich werden die zunächst noch biegsamen Minen jedoch bereits nach knapp 20 Zentimetern abgeschnitten. Ihre spätere Härte erhalten sie unter anderem durch einen aufwendigen Brennprozess.

Diese Einblicke zeigten eindrucksvoll, wie viel Fachwissen, Erfahrung und Präzision selbst in einem Produkt stecken, das im Alltag häufig ganz selbstverständlich verwendet wird.

Der Bleistift, der eigentlich keiner ist

Eine interessante Erkenntnis der Führung betraf bereits den Namen eines der bekanntesten Schreibgeräte: Der Begriff „Bleistift“ ist streng genommen falsch. Die Mine enthält kein Blei, sondern besteht im Wesentlichen aus Graphit und Ton. Treffender wäre daher die Bezeichnung „Graphitstift“, auch wenn sich dieser Begriff im allgemeinen Sprachgebrauch bislang nicht durchgesetzt hat.

Gerade solche Hintergrundinformationen sorgten während der Führung immer wieder für überraschende Aha-Momente und machten deutlich, wie viele Geschichten sich hinter scheinbar alltäglichen Gegenständen verbergen.

Vom Bleistiftmacherhandwerk zur modernen Industrieproduktion

Auch die Geschichte des Unternehmens nahm während der Besichtigung einen wichtigen Platz ein. STAEDTLER wurde 1835 von Johann Sebastian Staedtler gegründet. Die Wurzeln des Unternehmens und des Nürnberger Bleistiftmacherhandwerks reichen jedoch noch deutlich weiter zurück.

Bereits im Jahr 1662 fertigte Friedrich Staedtler Bleistifte vollständig selbst. Von der Herstellung der Mine über das Zuschneiden des Holzes bis zum fertigen Schreibgerät. Damit gehörte er zu den Wegbereitern des Bleistiftmacherhandwerks. Die damalige Herstellung war äußerst aufwendig: Eine Tagesleistung von 50 bis 60 Bleistiften galt bereits als beachtlich.

Wie stark sich die Produktion seitdem verändert hat, verdeutlicht ein Vergleich aus einer früheren Unternehmensführung: In der modernen Fertigung konnten bereits rund 60 Stifte pro Sekunde hergestellt werden. Der Gegensatz zwischen mühsamer Handarbeit und hochautomatisierter Industrieproduktion machte den technischen Fortschritt besonders anschaulich.

Dennoch wurde deutlich, dass auch in einer modernen Produktion menschliches Wissen und langjährige Erfahrung unverzichtbar bleiben. Maschinen und automatisierte Prozesse ermöglichen hohe Stückzahlen und gleichbleibende Qualität. Die Grundlage dafür bilden jedoch weiterhin die Kompetenz und das Engagement der Mitarbeitenden.

Ein Lager, in dem die Roboter den Überblick behalten

Besonders eindrucksvoll war der Einblick in die automatisierte Logistik. Immer wieder schossen Transportroboter durch die Gänge, nahmen blaue Boxen auf, setzten sie an anderer Stelle ab und holten bereits die nächsten Behälter. Was auf den ersten Blick fast chaotisch wirkte, folgte einem exakt gesteuerten System.

Ein Computer entscheidet, an welcher Stelle des Lagers die einzelnen Boxen abgelegt werden. Häufig nachgefragte Produkte befinden sich in gut erreichbaren Bereichen, während andere Waren weiter hinten gelagert werden. Gleichzeitig sorgt das System dafür, dass ältere Bestände zuerst entnommen werden. Auf diese Weise wird verhindert, dass Stifte, Radiergummis oder Spitzer unnötig lange im Lager verbleiben.

Auch bei der Zusammenstellung der Bestellungen spielt die Digitalisierung eine entscheidende Rolle. An den Kommissionierplätzen werden Päckchen mit Buntstiften, Filzstiften und weiteren Schreibwaren zusammengestellt. Das System kennt das Gewicht der einzelnen Produkte und erkennt dadurch unmittelbar, wenn ein falscher Artikel ausgewählt wurde. Fehler werden direkt auf einem Bildschirm angezeigt. Dadurch kann eine ausgesprochen hohe Liefergenauigkeit erreicht werden.

Der Besuch des Logistikbereichs machte anschaulich, wie moderne Lagertechnik, intelligente Software und die Arbeit der Beschäftigten ineinandergreifen. Gerade für die teilnehmenden Fach- und Führungskräfte bot dieser Teil der Besichtigung interessante Impulse zu Automatisierung, Qualitätssicherung und effizienter Prozessgestaltung.

Austausch bei Kaffee und Kuchen

Nach mehr als zwei abwechslungsreichen Stunden endete die Werksbesichtigung. Anschließend setzte die DFK-Regionalgruppe Nordbayern das Treffen im nahegelegenen Schindlerhof fort.

Bei Kaffee, Tee und Kuchen bestand ausreichend Gelegenheit, die Eindrücke des Nachmittags zu vertiefen. Besonders die automatisierten Logistikprozesse, die Herstellung der Graphitminen und der starke Kontrast zwischen historischem Handwerk und heutiger Fertigung sorgten für lebhafte Gespräche.

Darüber hinaus bot der gemeinsame Ausklang Raum für persönliche Begegnungen, neue Kontakte und den Austausch über aktuelle berufliche und unternehmerische Fragestellungen.

Die Werksbesichtigung bei STAEDTLER war eine rundum gelungene Veranstaltung. Sie eröffnete einen faszinierenden Blick auf Produkte, die viele von uns seit ihrer Kindheit kennen, und zeigte, wie viel Technik, Wissen, Geschichte und Verantwortung in einem einzelnen Stift stecken können.

Dirk Dombrowski

Nach oben scrollen