Unternehmen machen mehr Gewinn, wenn Führungskräfte sich rausziehen

Besser ohne Chef

von Philip Semmelroth

Philip Semmelroth
© Dominik Pfau, www.dominikpfau.de

Mitarbeiter führen funktioniert heute anders. Damit ein Unternehmen Gewinn macht, braucht es selbstbewusste Menschen, klare Prozesse und vor allem eines – keinen Chef. Wie es Führungskräften gelingt, sich Stück für Stück aus dem Tagesgeschäft herauszuziehen, und was es braucht, damit der Betrieb trotzdem rund läuft, weiß Business Coach Philip Semmelroth.

Früher befahl der Chef und die Mitarbeiter setzten die Order im besten Fall um. Dieses Top-Down-Prinzip funktioniert schon lange nicht mehr – jedenfalls nicht mehr profitabel. Zum einen, weil Einzelpersonen in komplexen Zeiten gar nicht mehr über das nötige Know-how verfügen können, um in jedem Bereich 1a-Resultate zu produzieren. Zum anderen fehlt zunehmend die Zeit, sich als Chef um alles zu kümmern. Auch die Mentalität der Menschen hat sich geändert. Mitarbeiter wünschen sich flache Hierarchien, Mitspracherecht, Sinn und Selbstverwirklichung. Diese modernen Bedürfnisse sollten Führungskräften nutzen. Denn im Alleingang ein Unternehmen zu führen, Ideen und Strategien zu entwickeln sowie die Umsetzung an allen Fronten zu koordinieren und zu kontrollieren, erweist sich als Ding der Unmöglichkeit.

Die meisten Führungskräfte arbeiten zu viel an den falschen Baustellen. Sie verzetteln sich im Klein-Klein und verlieren wichtige Aufgaben aus dem Blick. Am Ende bleibt keine Zeit für Aktivitäten, die wirklich einen

Kluge Führungskräfte ziehen sich so weit wie möglich aus dem operativen Geschäft zurück.

Unterschied machen und Unternehmen überdurchschnittlich nach vorne pushen. Im schlimmsten Fall klopft das große Geld an und der Entscheider überhört es, weil das Tagesgeschäft brüllt. Kluge Führungskräfte nehmen sich daher die wichtigste Empfehlung der modernen Arbeitswelt zu Herzen: Sie ziehen sich so weit wie möglich aus dem operativen Geschäft zurück.

Ein funktionierendes System braucht keinen Chef. Wer als Führungskraft im Business mitarbeitet, gefährdet den Betrieb. Mit einer „Ohne mich läuft nix“-Attitüde wird jede Position zum Nadelöhr. Sobald es verstopft, stagniert der ganze Laden. Manager müssen heute vor allem eines: loslassen. Damit das Business nicht im Chaos endet, braucht es selbstständig agierende Teams. Führungskräfte sollten früh dafür sorgen, dass Mitarbeiter eigenständig Entscheidungen treffen. Folgende Tipps zeigen, wie Business heute funktioniert, ohne dass der Kopf der Truppe dauernd mitmischt.

Menschen bemächtigen:
Mindset entscheidet über Output
Ein autark-erfolgreiches Team braucht starke Mitglieder. Dabei bestimmt nicht die Qualifikation, wie leistungsfä­hig Menschen sind. Ergebnisse im Job hängen heute vielmehr davon ab, wie sehr Mitarbeiter sich einbringen, wie stark sie ihre eigenen Ressourcen einsetzen wollen. Viele bremst dabei der innere Dialog. Ob Mitarbeiter sich mit motivierenden Parolen à la „Wer wagt, gewinnt“ selbst anfeuern oder mit dunklen Glaubenssätzen wie „Das schaffst du eh nicht“ runterziehen – das mentale Selbstgespräch beeinflusst die eigene Performance. Das erklärt auch, warum fähige Talente von Menschen überholt werden, die einfach weniger an sich zweifeln.

Kunden wollen Sicherheit und greifen bei dem zu, der sein Angebot am überzeugendsten präsentiert.

Der Unternehmenserfolg hängt somit extrem vom Selbstbewusstsein der Akteure ab. Wer mit gesundem Ego durch die Welt spaziert, wirkt überzeugender, schlüpft seltener in die Rolle des Opfers und braucht weniger Zuspruch. Mit einem starken Ich wächst die Leistungsfähigkeit, selbstbewusste Kollegen entscheiden und handeln schneller. Was nach nettem Soft Skill klingt, steigert den Umsatz. Gerade im Kontakt mit Kun­den verkauft ein starker Auftritt mehr als schüchterne Performance. Kunden wollen Sicherheit und greifen bei dem zu, der sein Angebot am überzeugendsten präsen­tiert. Heute gehört es mehr denn je zur Führungsauf­gabe, das Selbstbild der Teammitglieder zu pushen. Be­sonders Berufsanfänger brauchen Orientierung. Junge Generationen strotzen oft vor Selbstbewusstsein, ha­ben in Wahrheit aber jede Menge Nachholbedarf. Schon im Bewerbungsverfahren lässt sich herauskitzeln, ob jemand an sich und seine Stärken glaubt.

„Aber das habe ich doch noch nie gemacht!“
Zweifel ausräumen, gute Ergebnisse loben, an tolle Pro­jekte erinnern – all diese Maßnahmen helfen, andere in ihrem Selbstbild zu stärken. Der besondere Hebel aller­dings ist die gezielte Überforderung. Selbstbewusst­sein wächst durch positive Erfahrungen. Nur durch das eigene Meistern unüberwindbar erscheinender Hürden verändern sich Gefühle nachhaltig – aus Angst wird Stolz. Wer Aufgaben umsetzt, kommt zu Ergebnissen. Nicht selten scheuen Mitarbeiter bei neuen Jobs erst mal zurück: „Das habe ich doch noch nie gemacht!“ Die­ser Anfangsschrecken markiert, dass Menschen gera­de dabei sind, ihre Komfortzone zu verlassen. Stagna­tion endet, Fortschritt wartet.

Damit Menschen sich auf unbekannte Spielfelder wa­gen, müssen Führungskräfte ihnen also einen Schubs geben. Im Unternehmensalltag bedeutet das, Mitarbei­ter vor kontrollierte Herausforderungen zu stellen, die sie aus ihrem Wohlfühlbereich zwingen und ihnen Er­folgserlebnisse verschaffen. Ist der Job gemeistert, be­lohnen Profis ausschließlich Ergebnisse – keine Aufga­ben. Das vermeidet blinden Aktionismus. Unternehmen machen ihren Umsatz schließlich durch Ergebnisse. Wenn das Ziel klar ist, können Chefs dem Ausführenden den Weg zukünftig selbst überlassen.

Damit Menschen sich auf unbekannte Spielfelder wagen, müssen Führungskräfte ihnen also einen Schubs geben.

Vertrauen – auf Fehler und Ergebnisse
Wo früher alles über Kontrolle lief, weichen heute mehr und mehr die Grenzen auf. Inzwischen rutschen Chefs auch nicht mehr unruhig auf ihren Stühlen hin und her, wenn der Großteil des Teams außerhalb des eigenen Blickfeldes im Homeoffice sitzt. 1:1-Kontrollen sind out. Unternehmen erhöhen ihr Tempo und Potenzial, wenn sie den richtigen Menschen maximal vertrauen. Inzwischen erweist sich Geschwindigkeit als Wettbe­werbsvorteil. Für Kunden müssen Betriebe nicht bes­ser sein – oft reicht es, schneller parat zu stehen. Füh­rungskräfte tun sich nach wie vor schwer damit. Denn vertrauen heißt loslassen – und das verbinden viele mit Risiko.

Unternehmen erhöhen ihr Tempo und Potenzial, wenn sie den richtigen Menschen maximal vertrauen.

Und Garantien gibt es nicht: Überall, wo Menschen arbeiten, passieren Fehler. Doch die Fehlerrate sinkt nicht durch mehr Kontrolle, sondern durch Vertrauen. Wer als Mitarbeiter weiß, dass der Chef sowieso noch mal drüber schaut, identifiziert sich weniger mit der Aufgabe – Elan und Sorgfalt schwinden. Natürlich fal­len Meister nicht vom Himmel, nicht alles funktioniert sofort. Doch jeder Fehler gibt Mitarbeitern die Chance, dazuzulernen. Lernen durch Erfahrung erzielt höhere Wirkung als Lernen im Seminarraum. Eigene praktische Erfahrungen hinterlassen Spuren. Wer anderen Eigen­verantwortung überträgt, muss Fehler als Lernerfah­rung tolerieren.

Durch Standards wettbewerbsfähig und profitabel
Was ebenfalls gute Ergebnisse verschafft, ist Routine. Routinen und Rituale geben Sicherheit – für Mensch und Unternehmen. Je weniger Planung, Disziplin und Selbstmanagement nötig sind, desto eher werden die Ergebnisse auch dann erreicht, wenn Mitarbeiter mal nicht so gut drauf sind. Routinen verhindern, dass Men­schen ins Grübeln, Zögern und Abwarten kommen. Wer weniger zweifelt, kommt schneller in die Umsetzung.

Auch Fehler lassen sich durch Standards minimieren. Klare Prozesse sichern die Qualität, machen die Umset­zung planbar und beschleunigen Abläufe. Das steigert die Effizienz des gesamten Betriebs. Standardisierte Abläufe ermöglichen verlässliche Kalkulationen, ver­bindliche Festpreise und machen Abläufe skalierbar. Wenn es eine definierte Vorgehensweise gibt und nicht jeder im Team nach eigenem Rezept kocht, können sich neue Mitarbeiter schneller einarbeiten. Auch Urlaubs­vertretungen greifen reibungslos.

Wenn es eine definierte Vorgehensweise gibt und nicht jeder im Team nach eigenem Rezept kocht, können sich neue Mitarbeiter schneller einarbeiten.

Funktionierende Abläufe entstehen, indem Führungs­kräfte aus Einzelideen die beste Lösung destillieren, diese aufschreiben und alle im Team dazu verpflich­ten. Natürlich macht es erst einmal Arbeit, Schemata, Checklisten und ähnliche Instrumente zu entwickeln und aktuell zu halten. Aber die Mühe rechnet sich. Die Zahl der Pannen und Rückfragen nimmt rapide ab, Mit­arbeiter können Probleme selbstständig lösen. Feste Abläufe ermöglichen steile Lernkurven, machen Unter­nehmen hochgradig effizient und maximieren auf diese Weise Umsatz und Gewinn.

Über den Autor
Philip Semmelroth hilft Firmen, profitabler zu wer­den. Über viele Jahre entwickelte er in seinem IT-Unternehmen die 3P-Strategie; eine Methodik, die Mitarbeiter leistungsfähiger, Prozesse effizienter und Vertriebserfolge planbar macht. Nach 22 Jahren verkaufte er sein Unternehmen erfolgreich an einen Investor, hält heute Keynotes und führt Coachings durch, um andere bei der Transformation zu einem vertriebsfokussierten Business zu unterstützen. Zu seinen Kunden gehören Unternehmen aus verschie­densten Branchen, er arbeitet national und interna­tional.
www.Philip-Semmelroth.com

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